Neues Leben - eine kleine rattige Geschichte

Eines Tages wachte ich morgens auf, inmitten meiner Geschwister, dicht an meine Mutter gekuschelt. Ich gähnte einmal kräftig "Uaaahh" und streckte mich ausgiebig. Dann machte ich die Augen auf - ja, ich konnte sie öffnen!
Endlich konnte ich auch sehen, was ich sonst nur um mich herum hörte und roch! Und dann sah ich mich erstmal um.

Meine Geschwister schliefen noch, zuckten manchmal im Traum mit ihren Näschen und schmatzten leise in Gedenken an ein leckeres Frühstück vor sich hin. Meine Mutter lag eingerahmt von ihren Babys in der Mitte und schlief noch tief und fest. Manchmal leckte sie dabei mit ihrer Zunge liebevoll über eins meiner Geschwisterchen.
Sonst war alles ruhig und still um mich herum.

Dann sah ich, wo ich überhaupt lag. Eine kleine Wanne war es, mit durchsichtigen Wänden. Da hing eine komische Flasche an einer Wand - später erfuhr ich, dass das die Wassertränke für uns ist - und ein kleiner Napf mit so komischen Stücken drin stand auch in unserer Wohnung. Meine Mutter erklärte mir dann bald, dass das ihr Futter sei. Hmmm. Komisches Essen...

Alles war sehr klein und dunkel, gar nicht so kuschelig, wie ich dachte, als ich meine Augen noch nicht aufmachen konnte. So richtig wohl fühlte ich mich eigentlich nicht. Ich krabbelte dann schnell zu meinen Geschwistern und sagte allen guten Morgen.

"Hallo, werdet wach und schaut! Ich kann sehen!"

Nach und nach wachten all meine Geschwister auf und reckten und streckten sich und - öffneten ihre Augen! Nun konnten sie alle sehen, was auch ich sah.
Zuerst beschnüffelten wir uns ausgiebig und sahen uns genau an. Wir sahen alle anders aus. Es gab schwarze und schwarz - weisse Babys und auch 2 beige, meine Schwestern Milly und Dossi. Unsere Mutter war ganz schwarz und hatte einen weissen Punkt auf der Stirn.Sehr schön sah sie aus.
Und dann sprach auch sie:

"So meine Kleinen, nun könnt Ihr endlich auch Eure Äuglein öffnen und sehen, was um Euch herum so vorgeht."

"Wo sind wir hier?" fragte meine Schwester Frieda. "Was ist denn das da?" fragte Klein Benja und sah zur Futterschüssel. "Und was ist das?" "Mami, was sind das für komische Wände um uns herum?" "Warum sehen wir alle anders aus?" "Wann gibt es etwas zu essen?"

Alles rief durcheinander und sah unsere Mutter fragend an.

"Nun mal alle ruhig miteinander und redet nicht alle durcheinander. Ich kann nur eine Frage zur Zeit beantworten, Kinder!" rief meine Muter dann irgendwann energisch dazwischen.

Dann erklärte sie uns alles, was wir sahen, aber nicht verstehen konnten. Und wurde ganz traurig dabei.

"Mami," sagte ich zu ihr, "warum bist Du so traurig?"

Sie seufzte und dann erzählte sie uns eine Geschichte.
"Wisst ihr, ich lebe hier nun schon seit einem Jahr. Ein Jahr in diesem kleinen Becken, immer das selbe Essen, alles um mich herum immer gleich. Tag für Tag.
Und immer wieder bekomme ich so süße Babys, wie ihr sie seid und schon nach wenigen Wochen nimmt der große Mann euch mir weg und ich weiss nicht, wo ihr hinkommt.
Nicht mal richtig verabschieden kann ich mich von den Kleinen. Das macht mich so traurig."

"Und warst Du schon immer hier, Mami?" fragte ich sie.

"Nein, geboren wurde ich woanders. Ich hatte eine liebe Mutter und viele Geschwister und um uns herum war alles schön und sauber. Es gab reichhaltiges Essen und nette Menschen, die sich mit uns beschäftigten und uns streichelten.

Eines Tages kamen dann verschiedene andere Menschen und nahmen immer ein paar von uns mit. Es hiess, wir würden in ein neues schönes Zuhause .vermittelt.
Dann kam der Tag, wo auch ich mitgenommen wurde.
Ein kleiner Mensch griff in unseren Käfig und suchte mich heraus. Der Junge nahm mich mit und steckte mich in seinem Zuhause in einen kleinen Karton, den er unter seinem Bett versteckte.
Es war eine sehr schlimme Zeit. Manchmal bekam ich den ganzen Tag nichts zu essen und zu trinken, und immer war es dunkel und einsam. Der Junge hat mich manchmal einfach vergessen, also habe ich beschlossen, aus diesem Karton auszubrechen. Das war auch kein Problem".

Mutter erzählte uns dann, wie sie ein Loch in den Karton geknabbert hatte und sich dann in der hintersten Ecke des Bettes versteckte.
Abends kam dann der Junge nach Hause und wollte seine Ratte herausholen, doch sie war nicht mehr da! Er suchte und suchte, konnte sie aber ganz hinten an der Wand nicht sehen.

"Ich verhielt mich ganz ruhig und still" sagte meine Mutter, "doch plötzlich griffen seine Hände doch nach mir."

Mutter blieb eine Weile ruhig, dachte nach und seufzte.

"Ich habe mich so sehr erschrocken, dass ich in seine Finger biss. Es hat ziemlich geblutet und der Junge wurde sehr wütend. Er griff mich trotzdem, packte mich in einen anderen Karton und ging mit mir weg.
Ich wusste nicht, was er vorhatte und war sehr ängstlich. Wir gingen durch Straßen, alles war laut und fremd, bis wir vor einem Geschäft standen. Über dem Laden hing ein Schild "Zoogeschäft" und dort brachte er mich hinein."

Wieder sprach meine Mutter eine Zeitlang nicht. Dann nickte sie vor sich hin und sprach weiter:
"Ja, der große Mann und der Junge unterhielten sich und dann wurde ich aus dem Karton in einen anderen Behälter gekippt. Dort waren noch andere Ratten, aber vor denen hatte ich auch Angst und versteckte mich erstmal ganz hinten in der Ecke unter dem Heu."

Mutter erzählte uns dann, wie sie sich mit dem großen starken Willy anfreundete, einem wirklich imposanten schwarzen Ratterich, der Chef der Ratten, der auch unser Vater war. Sie wurde dann aber eines Tages von dem großen Mensch aus der Box herausgeholt und in eine noch kleinere in einem anderen Raum gesetzt.
Und da lebte sie dann, ganz allein.
Ab und zu mal wurde Willy zu ihr gelassen und sie freuten sich, dass sie sich wiedersahen. Aber nach wenigen Tagen wurde er wieder herausgenommen und nicht viel später bekam sie dann immer ihre Babys.

Meine Mutter wurde ganz traurig. "Ja, und nach viel zu kurzer Zeit kam dann immer der große Mann und nahm alle meine Kinder einfach mit und ich war wieder allein."

Wir wurden nun alle ganz traurig und kuschelten uns an unsere Mutter, um sie zu trösten. Aber bald siegte der Hunger und wir vergaßen wieder, was sie uns alles erzählte. Wir dachten nur ans Spielen und Essen und Kuscheln und Schlafen.
Jeden Tag kam einmal der große Mann und brachte unserer Mutter etwas zu essen und nahm uns alle mal in die Hand um uns zu begutachten, wie er immer vor sich hin murmelte.
Unser Leben verlief ansonsten jeden Tag gleich, nichts Ungewöhnliches geschah.

Dann kam aber der Tag, wo sich der große Mann nicht blicken ließ. Auch am nächsten Tag kam er nicht und meine Mutter wurde sehr hungrig. Auch wir hatten Hunger, die Milch reichte nicht mehr und wir hatten ja auch schon ein paar Tage diese komischen Stücke gegessen, die der Mann Futter nannte.
Am dritten Tag wurde dann die Tür aufgemacht und alles wurde hell. Aufgeregte Stimmen waren zu hören.

"Ohje, die ganzen Tiere! Wo sollen wir denn mit ihnen hin, jetzt wo der Herr Huber tot ist?"
"Tot?" fragte ich, "was ist denn das?"
Keiner, auch nicht unsere Mutter, konnte mir meine Frage beantworten. Aufgeregt rannten wir in der Wanne hin und her, hatten wir doch alle großen Hunger und Durst.

"Oh seht mal, da ist eine Ratte mit Babys in der Wanne!" rief eine junge Frau und zeigte mit den Fingern auf uns. "Sie haben bestimmt großen Hunger, es wusste ja niemand, dass sie hier drin sind." sagte sie und kam auf uns zu.

"Ach, ihr armen Rättchen, ich werde euch gleich erstmal etwas zu futtern geben und frisches Wasser."

Wir konnten genau verstehen, was sie sagte und schnüffelten aufgeregt in der Luft.
Nur kurze Zeit später stellte sie uns etwas zu Essen und Wasser in unsere Box und unterhielt sich mit den anderen Menschen, die um sie herum standen. Viel konnten wir jetzt nicht verstehen, wir waren auch viel zu sehr mit dem Essen beschäftigt.
Dann kam die Frau und nahm uns alle einen nach dem anderen aus der Box und legte uns in eine etwas größere Transportbox.
Wir waren ganz nervös und Mutter schnatterte aufgeregt vor sich hin "Meine Babys, meine Babys!"

Aber dann nahm die Frau auch unsere Mutter, sprach beruhigend auf sie ein und brachte sie zu uns. Nun wurden wir etwas ruhiger.
Aber bald schon ging es weiter. Wir wurden aus dem Raum getragen und in ein komisches Ding gebracht, dass sie Frau Auto nannte. Sie erklärte uns die ganze Zeit, was sie mit uns tut, aber viel konnten wir davon nicht verstehen.

Dieses Auto hat uns dann zu einem anderen Haus gebracht und dort trug die Frau uns hinein.
Meine Mutter schnüffelte aufgeregt vor sich hin "Ich rieche andere Ratten!"
Sie lief aufgeregt in der Transportbox hin und her.

"Ganz ruhig, Kleines", sagte die Frau, "nun bekommt ihr ein neues Zuhause und einen richtigen großen Käfig."
Sie brachte uns in einen großen hellen Raum, wo schon 2 große Käfige standen.
Aus einem der Käfige hörten wir Stimmen:
"Hallo!" rief eine piepsige Stimme zu uns herüber und wir riefen alle aufregt zurück: "Hallo, wer bist Du?"
"Ich bin Hella und wohne hier mit meiner Schwester Belinda."

Weiter konnten wir uns nicht unterhalten, denn jetzt waren wir an dem großen anderen Käfig angekommen. Die Frau nahm uns wieder einzeln heraus, besah sich uns von unten und meinte beruhigt: "Alles Mädchen, wie gut! Dann kann ich sie ja alle 9 behalten."

Bald waren wir alle in unserem neuen Käfig und rannten erstmal darin herum und bestaunten alles. Der Käfig war ja so groß, es gab verschiedene Etagen, Schlafhäuser und Höhlen, Wassernäpfe und Futter! Aber was für ein Futter, nicht so komische Stücken, nein, da waren Körner und Kerne, Rosinen, getrocknetes Obst und so vieles, das wir gar nicht kannten.
Bald, nachdem wir alles bestaunt und gegessen hatten, legten wir uns müde und erschöpft in eines der Häuschen und kuschelten uns an unsere Mutter.

"Oh, jetzt wird alles gut!" rief meine Mutter aus, seufzte und legte sich schlafen.
Sie erinnerte sich an ihre eigene Kindheit, an den großen Käfig, in dem sie geboren wurde, an die lieben Menschen um sich herum und seufzte glücklich im Traum vor sich hin.

Wir wurden alle ganz ruhig und fühlten uns glücklich und zufrieden und schliefen eng aneinandergekuschelt ein.

(c) Birgit Schwab
Lüneburg, 14.07.01

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