Lauf, kleine Maus, lauf!

"Nein, kleiner Teddy," sagte die kluge alte Ratte, "das Land heißt Eternia, nicht Europa." Milde lächelnd sah sie den jungen Ratterich an. "Es ist das Reich hinter dem Regenbogen, wo alle Ratten einmal hingehen."
"Du auch?" fragte der kleine Frechdachs. "Ja, ich auch." seufzte die alte Ratte müde.
"Und was ist dort, Tante Shara?"
"Wir treffen alle unsere Freunde wieder, die vor uns dorthin gegangen sind." antwortete die alte Ratte. "Wir werden für immer glücklich sein und genug zu essen haben."
Sie wußte nicht, ob es stimmte was sie sagte, sie hatte es nur gehört. Tante Lilly hatte es ihr damals erzählt, und jede alte Ratte kannte die Geschichte.
Sie fühlte sich alt und schwach und wartete nur noch auf ihren großen Papa, der bald nach Hause kommen mußte.
Die große Mama hatte sie noch einmal zu den anderen in den Käfig gesetzt, damit sie sich verabschieden konnte. Und das tat sie auch; von ihrer Schwester, die ihre Arbeit als Futtersammlerin übernehmen würde, von Onkel Spunky, dem Husky-Opa und von Pünktchen mit dem Tumor; beide würden ihr bald folgen. Von Elfa und Maya, den beiden Huskyschwestern und von den beiden jungen Wildfarbenen: dem frechen Teddy und dem ängstlichen Samson.
Ein letztes Mal würden ihre großen Eltern mit ihr zum großen Rattendoktor gehen und bald würde sie schlafen können, bald würde sie alle ihre Freunde wiedersehen...

Sie lag bei ihrem großen Papa auf dem Arm, in ein Handtuch gebettet. Die Hände ihrer großen Eltern ruhten auf ihr. Es war warm und behaglich, und sie wurde furchtbar müde... es wurde dunkel um sie...
...sie hörte ihre großen Eltern weinen... da wurde sie schrecklich traurig. Nein, sie wollte nicht gehen! Sie wollte bei ihrer Mama und ihrem Papa bleiben!

"TANTE SHARA!!!" gellte ihr eine vergnügte Piepsstimme im Ohr. Die kleine Daria rief sie.
"Wo bist Du, Kleines?" rief sie zurück. Alles um sie herum war dunkel.
"Einfach der Nase nach!" kam es zurück, und sie schnupperte und vertraute Gerüche stiegen ihr in die Nase.
"Lauf einfach los!" piepste Daria.
Aber sie wollte nicht, sie wollte zu Mama und Papa!

LAUF, SHARA, LAUF! hörte sie die Stimmen ihrer Eltern.
LAUF ZU DEN ANDEREN! EINES TAGES SIND WIR ALLE WIEDER ZUSAMMEN!

Da lief sie los, so flink wie in ihrer Kindheit, und es wurde heller um sie, tosende Farben, in ein strahlendes Licht...

"Tante Shara, da bist du ja!" piepste die kleine Daria fröhlich. Shara blinzelte in den strahlenden Sonnenschein.
Daria meine Kleine, ist das Eternia?" fragte sie ängstlich. Sie hatte Furcht, nur zu träumen.
"Ja, das ist es." Lächelte eine schlanke Lilly. "Hallo Shara!" sagte eine liebevolle Mausi. Flöckchen verharrte an einer Stelle und grinste sie an. "Willkommen!" quiekte Odin vergnügt, wild um sie herumhüpfend...

*

Eines Tages tauchten zwei große Schatten in der Ferne auf, menschengroße Schatten...

*

Für Shara, die liebe Maus; für alle die vor ihr gingen; für alle die ihr noch folgen...

Shara

(c) Christian Schwab, Lüneburg, 21.12.01

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