Scheue und bissige Ratten - Ratten zähmen
Warum beißen einige Ratten?
Es kommt leider immer wieder vor, dass Ratten scheu sind, sich ständig im Käfig verkriechen, vor ihrem Halter davonlaufen oder sogar zuschnappen. Gerade ein unerfahrener Rattenhalter ist dann oftmals enttäuscht und sieht sich vor einem großen Problem - wird doch das "Schmusetier" Ratte gerade in den Medien immer wieder als absolut zahmes, liebes und unproblematisches Haustier dargestellt, welches sich den ganzen Tag auf der Schulter "ihres" Menschen in der Wohnung herumtragen lässt.Verschiedene Beiß-Arten und was kann man tun?
Angstbeißer beißen/zwicken - wie der Name bereits sagt - aus Angst. Oftmals auch schon bevor sie
überhaupt berührt werden oder wenn man ihnen zu nahe kommt. Sie beißen also (verteidigen sich)
bevor sie "angegriffen" (angefasst, bedrängt) werden. Ein Verhalten, welches auch bei z.B. Hunden immer
wieder vorkommt: "beißen bevor man selber gebissen wird".
Meistens schnappt die Ratte zu und läuft dann ganz schnell weg. Wenn man die Hand auf sie zu bewegt, wird sie
sich meist seitlich aufrichten und versuchen, diese abzuwehren. Wenn dann nicht erkannt wird, dass die Ratte
versucht, der Hand auszuweichen, bleibt der Ratte (ihrer Meinung nach) im Grunde gar nichts anderes übrig, als zu
beissen, sich also zu verteidigen.
Hier muss man mit der Zähmung sehr behutsam vorgehen, um es nicht zu verschlimmern.
Wenn das "Beißen" eher einem zwickenden "Knabbern" ähnelt, kann es ebenso sein, das sie die Hand
putzt. Gerade Stellen mit Hornhaut oder Schmutzreste werden gern abgeraspelt. Hier handelt es sich also nicht
um wirkliches Beißen, sondern um eine freundschaftliche Körperpflege.
Wenn eine Ratte angelaufen kommt, schnell mal leicht zwickt, sofort wieder wegläuft und dieses wiederholt,
kann (und wird) es eine Spielaufforderung sein. Gerade Zehen werden von Ratten hierbei bevorzugt.
Ein solches Verhalten darf natürlich genauso wie das Putzen keinesfalls "bestraft" werden (bestrafen
im Sinne von bestrafen sollte man Ratten eh nie), weil das dann mit Sicherheit nach hinten losgeht (Ratte wird
dadurch verstört). Wenn sie zu sehr zwickt (grad Babys sind meist ziemlich ungestüm), sollte man in dem
Moment (und wirklich genau in dem Moment und nicht 1 Minute später) laut "nein" oder "au" rufen.
Wegschieben allein wird nicht viel bringen, da die Ratte das als Aufforderung sieht, wieder auf das z.B.
"Opfer Zeh" loszugehen ;)
Man kann das Spiel aber auch aufnehmen und sollte es auch, indem mit der Hand "fangen" spielt; die Ratte also mit
einer Hand verfolgt und sie dabei durchknuddelt. Wenn sie zu heftig zwickt, dreht man sie auf dem Boden (oder wo
sie sich grad aufhält) spielerisch auf den Rücken und tippelt ihr mit den Fingersüpitzen auf den
Bauch - nicht zu lang.
Beißen kann ebenso gut bedeuten, daß die Ratte sich nicht wohl fühlt, Schmerzen hat oder einfach ihre Ruhe haben
möchte. Nicht jede Ratte mag es, wenn ständig jemand in ihrem Schlafhaus hantiert und/oder sie beim Schlafen stört.
Wenn eine sonst zahme Ratte plötzlich anfängt zu beißen, sollte man zuerst einmal an Schmerzen /
eine Erkrankung denken und sofort den Tierarzt aufsuchen. Ratten verstecken ihre Schmerzen und wenn man sie erstmal
bemerkt, sind diese schon sehr heftig.
Manche Ratten beißen auch, gerade bei ihnen fremden Personen, wenn man die Finger durch die Gitterstäbe des
Käfigs steckt. Ratten sind revierverteidigende Tiere und der Käfig ist nun einmal ihr Zuhause. Nicht alle Ratten
schnappen dabei zu, aber man sollte akzeptieren, das der Käfig das Revier der Ratten ist. Besucher, die die
Ratten nicht kennen, sollte man auf jeden Fall darauf hinweisen, auch wenn die Ratten bisher nie gezwickt haben.
Vor allem auf Kleinkinder ist hier besonders zu achten.
Merke: Auch Ratten, die sonst nie beissen, in gleichen Situationen nie gebissen haben usw.
können situationsbedingt mal zuschnappen. Von daher sollte eine Person, die nicht wirklich
täglich mit ihnen zu tun hat, niemals den Finger durchs Gitter stecken!
Auch wenn man ständig Leckerlies NUR (und nicht mal so oder anders) durch die Gitter gibt, muß man sich nicht
wundern, in die Finger geknapst zu werden, wenn diese dann mal ohne etwas Leckeres durch die Gitter gesteckt
werden. Die Ratte geht in einem solchen Fall ja erstmal davon aus, dass sie etwas zu fressen bekommt und achtet
gar nicht richtig auf die (leeren) Finger.
Das heisst nun
nicht, dass man gar keine Leckerlies durchs Gitter reichen soll, aber eben nicht
NUR. Wenn man also nur ab und wann mal etwas zu Fressen durch die Gitter gibt,
lernen die Ratten, vorher nachzusehen, ob da auch wirklich etwas ist - sie sind
vorsichtiger.

Wie bekomme ich Ratten zahm?
Um der Ratte die Angst zu nehmen oder ihr das Beißen abzugewöhnen, braucht es Zeit und Geduld. Das
Vertrauen zum Menschen muß erst einmal (oder wieder) aufgebaut werden.
Ängstliche und scheue (oder beißende) Ratten sollten in der Eingewöhnungsphase (etwa 2-4 Wochen) nicht zu
viele Versteckmöglichkeiten in ihrem Käfig haben. Sie sollten von Anfang an in ihrem eigentlichen Käfig
setzen und keinesfalls, wie leider manchmal empfohlen wird, in einen winzigen Hamsterknast gesetzt werden.
Dadurch werden sie nicht zutraulicher, sondern sind unausgeglichener (Bewegungsmangel) und bekommen schlechte
Laune.
Zum Anfang reicht ein Schlafhaus und eine Hängematte als Versteck für sie aus. Natürlich
muss die weitere benötigte Einrichtung auch vorhanden sein, aber eben keine 2 Häuser oder
zusätzliche Röhren/Tunnel usw.
So ist sie "gezwungen" an ihrer Umgebung teilzunehmen und kann sich an die Umgebungsgeräusche gewöhnen, sie dem
Geschehen zuordnen und lernen, das sie keine Angst davor zu haben braucht. Der Käfig sollte in dem Zimmer stehen,
in dem sich der Halter am meisten aufhält, so dass er oft in Sicht- und Hörkontakt mit den Ratten ist.
Leises beruhigendes Sprechen oder vorlesen hilft den Ratten, sich an die Stimme zu gewöhnen.
Das sollte so oft wie möglich passieren. Nach einiger Zeit wird sie nicht mehr gleich weglaufen, wenn "Mensch"
auf den Käfig zukommt. Bei sehr scheuen Ratten kann man das eine Zeitlang bei geschlossenem Käfig machen indem man
sich einfach ruhig sprechend davorsetzt. Erzählt euren Ratten, was ihr wollt, lest ihnen eine Geschichte vor oder
die Tageszeitung. Egal was, Hauptsache, sie lernen eure Stimme(n) kennen.
Es kommt ganz auf die beruhigende Stimme an, nicht darauf, was gesagt wird. Wenn sie nicht mehr weglaufen, das
ganze bei offener Tür wiederholen.
Um die Ratten an die Hand zu gewöhnen, bzw. ihr die Angst davor zu nehmen, kann man ihnen auch Joghurt oder Brei
auf der Fingerspitze anbieten. Sie wird zuerst sehr zögernd darauf zukommen. Achtung, wenn sie es noch nicht
kennt, wird sie beim erstenmal vielleicht in den Finger zwicken und versuchen, den Finger (die vermeintliche
Leckerei) mitzunehmen. Sie muß ja erst lernen, das sie diesen nur abzulecken braucht. Man sollte Ratten aber
nicht generell aus der Hand füttern, sondern ein gesundes Mittelmaß finden, um nicht als "Futtergeber"
abgestempelt zu werden.
Wir lassen sie das Körnerfutter aus dem napf fressen, ebenso das Frischfutter, geben hier aber das ein oder
andere frische Maiskorn durchaus aus der Hand. leckerlies sowieso immer und diese mal durch die offene
Käfigtür und auch mal direkt durch das Gitter.
Ein guter Tipp ist auch der Trick mit den eigenen Kleidungsstücken. Dazu braucht man ein getragenes Paar
Socken (welches entbehrlich sein sollte, da die wenigsten heil bleiben) oder ein altes (ebenfalls vorher
getragenes) T-Shirt (kein Deo o.ä. benutzen!). Dieses Kleidungsstück wird dann an die Lieblingsplätze
der Ratte (Schlafhaus) gelegt. So kann sich die Ratte am besten an den menschlichen Geruch gewöhnen. Sie wird
erstmal daran schnüffeln, vielleicht auch herumzerren und beißen. Nach einiger Zeit stört sie der Geruch
zumindest nicht mehr und sie kuscheln auch darin.
Wir haben mit diesem Trick viele gute Erfahrungen gemacht. Bei Bedarf öfters wiederholen.
Darauf achten, dass ihr keine Kleidungsstücke verwendet, die ihr noch benötigt. Die wenigsten
überstehen diesen Prozess ;)
Auch wenn die Ratte - aus Angst - weiterhin beißt, die Ruhe bewahren und weiter freundlich zu ihr sein.
Sie will ja nicht wehtun, sie hat nur Angst und manchmal braucht es viel Geduld. Rom ist auch nicht in 2 Wochen
entstanden ;)
Dann kann man den Ratten langsam die Hand hinhalten und sie daran schnüffeln lassen. Bald werden sie versuchen,
auf der Hand herumzuklettern. Nach einiger Zeit kann man versuchen sie vorsichtig zu streicheln. Dabei nicht
hektisch werden und nicht nach ihr greifen.
Wenn sie vor der Hand zurückweichen, lasst ihnen noch Zeit und überstürzt nichts. Wenn sie sich
im Käfig streicheln lassen, kann man sie vorsichtig mit einer Hand unter dem Bauch anheben, sie hinten abstützen,
aufnehmen, sie ein paar Sekunden (nicht ölänger) halten und dann wieder in den Käfig
zurücksetzen. So lernen sie, dass ihnen beim Hochnehmen nichts passiert. Den Zeitraum, den man sie in der Hand
behält, kann man mit jedem Mal etwas verlängern.
Nach einiger Zeit, wenn sie sich ruhiger verhalten, kann man sie dann mitnehmen und sich mit ihnen aufs Sofa/Bett
setzen. Vorsicht! Ängstliche Ratten versuchen manchmal vom Menschen wegzuspringen. Gerade junge Ratten können aber Entfernungen
noch nicht richtig abschätzen und springen einfach drauf los.
Am besten aufgehoben sind sie anfangs im Ärmel oder unter dem Pullover. Dort ist es dunkel, sie fühlen sich
bald sicher und können, wenn sie möchten, auch herausschauen. So lernen sie den Menschen bald als sicheren
vertrauensvollen Ort kennen. Es wird nun nicht mehr lange dauern und die Ratten haben volles Vertrauen, lasswn
sich streicheln und werden auf euch herumklettern.

Sooo schmusig werden allerdings die wenigsten Ratten :)
Wir möchten aber nicht unbemerkt lassen, das es auch Ratten gibt, die absolut nichts mit den Menschen zu tun
haben wollen. Manchmal liegt es einfach daran, das etwas von ihrer Urahnin, der Wanderratte, wieder durchkommt.
Der wilden Wanderratte sichert genau dieses Verhalten ihr Überleben, ein Verhalten also, welches man ihnen nicht
einmal vorwerfen kann.
Oder sie hat einfach das Vertrauen zum Menschen vollständig verloren. Manche bleiben trotz aller Versuche ein
Leben lang scheu, lassen sich nicht anfassen oder beißen zu, wenn man ihnen zu nahe kommt.
Da kann man dann nicht mehr viel machen, außer Situationen, die Beiß-Attacken und Stress heraufbeschwören,
zu vermeiden.
Aber auch solche Ratten sind liebenswerte Tiere, die ein Anrecht auf ihr Leben unter ihren Artgenossen haben.
Man kann sie zusammen mit ihren Artgenossen beobachten und sich auch so an ihnen erfreuen. Auch wir Menschen
haben alle einen anderen Charakter, der eine ist lebenslustig, der andere ein Eigenbrödler. Gebt also bitte auch
diesen Ratten eine Chance auf ein artgerechtes Leben. Wer weiss, vielleicht klappt es nach Monaten ja doch noch.
Jede Ratte, sei sie nun handzahm, dem Menschen gegenüber gleichgültig, ihr Leben lang scheu oder sogar bissig,
sollte mit jeder ihrer Eigenarten als eigenständiges Lebewesen mit ihren eigenen Charakterzügen akzeptiert
werden. Die Ratte ist für das Leben mit anderen Ratten geboren worden, nicht nur für den Menschen als Kuscheltier.
Wir müssen auf sie (und nicht umgekehrt) eingehen, mit viel Geduld und mit Zeit, die die Ratte vorgibt. Sie muss
nicht in 3 Tagen zahm werden, wenn sie von sich aus 3 Wochen dazu benötigt. Zwingt sie zu nichts.
Nur so kann Vertrauen und eine Freundschaft aufgebaut werden.